Very british: English Sparkling

Wein aus England

Ich erinnere mich, schon vor zwanzig Jahren als Cabin Crew auf BA-Flügen englischen Weißwein serviert zu haben. Dieser landete eines Abends mit beim „After Landing“, bei dem wir als Crew im Hotel noch zusammen saßen und den Arbeitstag ausklingen ließen.

Damals hatte ich noch kein spezielles Interesse an Wein. Deshalb weiß ich nicht, was genau wir damals getrunken haben. Ich erinnere mich noch an die kleine Flasche, die mit einem blau-bunten Etikett versehen und mit einem Schraubverschluss verschlossen war. Im Flugzeug waren Schraubverschlüsse beim Wein üblich, aus praktischen Gründen. Im Handel war das noch total verpönt – auf diese Weise verschlossener Wein galt eindeutig als Fusel.

Ich mochte ihn. Im Rückblick beschreibe ich ihn heute als einfach, weich und mit Restsüße. Schlicht, aber nicht schlecht. Wie ich schnell bemerkte, war ich die einzige, die so empfand. Meine Kollegen fanden ihn schrecklich und viel zu süß. Der Kennerblick des Captains wanderte über das Etikett – und schon war alles klar: „Wein aus England. Das kann ja nicht schmecken“.
Der fragwürdige Inhalt der kleinen Fläschchen war schnell geleert und versank ebenso schnell im Nebel meiner Erinnerung.

English Sparkling – der Shooting Star

Irgendwann 2014, ich war bereits mittendrin im Thema Wein, stieß ich im Internet auf einen Artikel über English Sparkling, also Schaumwein aus England. Dabei fiel mir meine erste Begegnung mit Wein aus England wieder ein. Anders als der Captain damals, pries der Autor den britischen Prickler in den höchsten Tönen, stellte ihn sogar auf eine Stufe mit Champagner. Von da an platzte ich vor Neugier auf English Sparkling.

Zu dem Zeitpunkt konnte ich hier in Deutschland die begehrten Bubbles weder in Weinhandlungen vor Ort noch online finden. Zum Glück war aber für September des Jahres ein Workshop in London geplant. Auf dem Rückweg zum Flughafen machte ich einen schnellen Zwischenstopp bei Berry Bros. & Rudd, durch den ich um ein Haar meine Maschine verpasst hätte. Trotz dieses Stresses war ich überglücklich, denn eine Flasche Nyetimber Classic Cuvèe reiste mit mir nach München.

Einige Wochen später teilte ich mein erstes English Sparkling -Erlebnis mit einer Sommelière-Kollegin und einem befreundeten Winzer, der zufällig in der Stadt war. Wir waren alle drei absolut begeistert!

English Sparkling hat seither enorm an Bekanntheit und Wertschätzung gewonnen. Auch bei uns scheint das Interesse daran zu wachsen, denn vor Kurzem entdeckte ich beim Stöbern diesen hier auf der Jacques-Website:

Hattingley Classic Reserve, Hattingley Valley Wines, Hampshire, UK

Im Glas helles Gold und feine Perlen.
In der Nase Noten (m+) nach frischem Sauerteigbrot, gelben Äpfeln mit einer Spur Zitrus. Komplex, nach einiger Zeit offenbaren sich sogar rote Früchte in der Nase und Haselnuss, die sich auch am Gaumen bestätigt.
Die feine Perlage und seine knackig-frische Säure geben seiner leicht cremigen Textur eine lebendige Frische. Auch am Gaumen brotig-nussig mit zarter, lebhafter Frucht. Langer Abgang.
Toller Begleiter zu edelen Speisen wie z.B. Seafood, war aber auch ein Traum zu meinen eher rustikalen Ofenkartoffeln mit Feta und Pfannengemüse.

Weinbau in England

Der Weinbau in England geht zurück auf die Römer. Da sich die Insel aber außerhalb der Klimazone befand, in der Trauben ausreifen können, prägte England die Weltbühne des Weins über den Handel.
Doch das Blatt scheint sich zu wenden: Der Klimawandel, der bereits überall sichtbare Spuren im Weinbau hinterlassen hat, spielt den Winzern der englischen und walisischen Weingärten in die Hände.

Der größte Teil der ca. 3500 ha Rebfläche der Insel liegen in den südlichen Grafschaften entlang des Ärmelkanals. Die dominierenden Rebsorten sind Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier, die drei klassischen Champagner-Sorten. Diese liegen mengenmäßig weit vor den traditionell britischen Sorten wie Reichensteiner, Seyval Blanc oder Bacchus, denn zwei Drittel des gesamten Anbaus gehen in die Herstellung von English Sparkling.
Stillweine keltert man meist im Blend aus, bzw. mit den traditionellen Sorten, die Produktion liegt fast ausschließlich bei weiß. Rote Sorten wie Rondo, Dornfelder oder Regent kommen hauptsächlich in Rosés zum Einsatz. Rotwein gibt es zwar, aber (noch) selten.

Den English Sparkling prägen die kreidehaltigen Böden, die denen der Champagne sehr ähneln, und das kühle, durch den Golfstrom gemilderte Kilma. Die Trauben reifen zwar, bilden aber sehr wenig Zucker und behalten ihre Säure – beste Voraussetzungen für die Schaumweinproduktion. Das haben auch die Champagnerhäuser erkannt, die seit mehreren Jahren in englische Weinberge investieren.

Wie sein edler französischer Gegenspieler, der Champagner, wird auch der English Sparkling nach der traditionellen Methode ein zweites Mal in der Flasche vergoren.
Ein Ass im Ärmel der englischen Schaumweinproduzenten gegenüber den Winzern in der Champagne ist, dass sie in ihrem Streben nach einem hochwertigen, exklusiven Produkt in allem völlig frei sind. Die Bindung an ein strenges Reglement wie beim Champagner gibt es beim English Sparkling nicht.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich der English Sparkling – und englischer Wein generell – in den nächsten Jahren entwicklen und in der Weinwelt etablieren wird.

unaufgeforderte, unbezahlte Werbung durch Verlinkung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s